Worum geht es?
Schulnoten sind ein Thema für sich. Viel diskutiert, häufig kritisiert, aber dennoch das „Goldene Maß“ der Dinge, wenn es um Vergleichbarkeit, Leistungsbewertung und spätere Chancen an Universitäten geht.
Was würde eigentlich geschehen, wenn ein erfahrener Lehrer im Alleingang beschließen würde, keine Schulnoten mehr zu erteilen?
Mein Prompt an ChatGPT
Schreibe eine fiktive Titelstory der „FAZ“, Titel: „Die Grenzen der Pädagogik“. Thema: Ein Gynmasiallehrer in Nordrhein-Westfalen unterrichtet Deutsch und Geschichte. Er weigert sich in den Klassen 7a, 9c und 11b, Noten für die Leistungen seiner Schüler zu erteilen. Begründung: „Noten sind aus dem vergangenen Jahrtausend. Was zählt, sind Inhalte und Kompetenzen.“ Viele halten es bis zu den Herbstferien für einen Witz, doch im Dezember gibt es Ärger mit der Schulleitung unter Androhung fristloser Kündigung. Die Reaktion des Lehrers: Er gibt allen Schülern eine eins – „wenn es unbedingt Noten sein müssen“. Es folgt ein Eklat mit Eltern und Schulleitung dem nächsten. Schulleiter Fritzsch: „Insbesondere die Verweigerung, die 11b im ersten Kurshalbjahr auf dem Weg zum Abitur differenziert zu bewerten, ist völlig verantwortungslos und schadet am Ende den Schülerinnen und Schülern.“ Strategiewechsel des Lehrers: Er verteilt Noten zwischen 1 und 4 nach dem Zufallsprinzip und verspricht „auf dem Zeugnis werdet ihr alle eine eins bekommen“. Bei Erteilung der Halbjahreszeugnisse wird der Lehrer gefeuert und es wird Strafanzeige von der Schulleitung erstattet, mit Eltern als Nebenklägern.
Fiktive Titelstory
Samstag, 14. Dezember 2025
Die Grenzen der Pädagogik
Ein Gymnasiallehrer in Nordrhein-Westfalen verweigert Noten – und löst eine Debatte über Sinn, System und Selbstverständnis des Unterrichts aus.
Von Anja Keller, Düsseldorf
Es begann – wie so oft – mit einem Satz, den kaum jemand ernst nahm. „Noten sind aus dem vergangenen Jahrtausend. Was zählt, sind Inhalte und Kompetenzen“, sagte Deutsch- und Geschichtslehrer Thomas Lenz, 44, zu Beginn des Schuljahres vor seiner Klasse 9c am Albert-Schweitzer-Gymnasium im Kreis Minden-Lübbecke. Die Schüler lachten, einige applaudierten sogar. Doch Lenz meinte es ernst.
In den Klassen 7a, 9c und 11b, die er betreute, gab er fortan keine Noten mehr. Keine mündlichen Bewertungen, keine Klausurergebnisse, keine Zensurenlisten. Stattdessen verteilte er handgeschriebene Rückmeldungen auf Schmierpapier: „Du hast dich bemüht, weiter so“ oder „Deine Argumentation ist reifer geworden“. Was zunächst wie eine harmlose pädagogische Spinnerei wirkte, entwickelte sich im Laufe des Herbstes zu einem bildungspolitischen Minidrama.
„Ich bewerte nicht Menschen“
„Ich bewerte nicht Menschen, sondern Lernen – und Lernen lässt sich nicht in Zahlen pressen“, sagt Lenz in einem Gespräch mit dieser Zeitung. Er wirkt ruhig, fast zu ruhig für die Aufregung, die er ausgelöst hat. Seit mehr als 18 Jahren unterrichtet er an der Schule, war Fachschaftsleiter, betreute Austauschprojekte und galt als engagiert. Doch nach eigener Aussage habe er sich „schon lange an der Oberflächlichkeit des Notensystems gestört“.
„Wenn ein Schüler in Geschichte eine 2 und in Deutsch eine 3 bekommt – was sagt das? Gar nichts. Es suggeriert Objektivität, wo es nur subjektive Einschätzung gibt“, so Lenz.
Von der Reform zur Revolte
Die Schulleitung sah das anders. Noch bis zu den Herbstferien sei man davon ausgegangen, es handle sich um ein „temporäres Experiment“, sagt Schulleiter Heinrich Fritzsch. „Wir haben pädagogische Freiheit, ja. Aber keine Willkür. Insbesondere die Verweigerung, die 11b im ersten Kurshalbjahr auf dem Weg zum Abitur differenziert zu bewerten, ist völlig verantwortungslos und schadet am Ende den Schülerinnen und Schülern.“
Als Lenz im November auf Nachfrage ankündigte, „wenn es unbedingt Noten sein müssen“, dann werde er „allen eine Eins geben“, kippte die Stimmung. Eltern wandten sich an die Schulaufsicht, der Lehrerrat versuchte zu vermitteln. Doch Lenz blieb unbeirrt.
Das Chaos im Dezember
Anfang Dezember schließlich meldeten sich die Eltern der 11b in einem offenen Brief an das Schulministerium: „Unsere Kinder werden zur pädagogischen Spielwiese eines Einzelnen degradiert.“
Daraufhin forderte die Schulleitung Lenz schriftlich auf, umgehend eine reguläre Notenliste vorzulegen. Seine Antwort: eine Datei mit zufällig verteilten Noten zwischen 1 und 4. Darunter ein Satz: „Zur Abwechslung mal gerecht verteilt.“
Fritzsch reagierte entsetzt. „Das war der Moment, an dem wir handeln mussten.“ Die Bezirksregierung wurde eingeschaltet, die Schulaufsicht erschien persönlich. Noch vor der Zeugniskonferenz kam es zur Eskalation: Der Lehrer wurde mit sofortiger Wirkung vom Dienst suspendiert.
Strafanzeige und Nebenklage
Der Fall endete nicht mit der Suspendierung. Das Kollegium hatte sich gespalten – während einige Kollegen Lenz’ Haltung „mutig und notwendig“ nannten, sahen andere darin „eine narzisstische Selbstinszenierung auf Kosten der Schüler“. Die Schulleitung stellte Strafanzeige wegen Pflichtverletzung im Amt und Urkundenfälschung, unterstützt durch mehrere Eltern, die als Nebenkläger auftreten wollen.
Das Schulministerium erklärte auf Anfrage: „Die pädagogische Freiheit des Lehrers endet dort, wo Schülerinnen und Schüler Schaden erleiden.“
Reaktionen im Land
Im Netz wurde Lenz binnen Stunden zur Symbolfigur einer Bildungsreform, die niemand so recht wollte. Auf Plattformen wie X (vormals Twitter) und Threads trendete der Hashtag #NotenfreiJetzt – flankiert von empörten Kommentaren. Ein Schüler aus der 9c schrieb: „Herr Lenz war der erste Lehrer, der mich wirklich gesehen hat.“ Eine Mitschülerin aus der 11b dagegen: „Ich hab jetzt keine Ahnung, ob ich fürs Abi geeignet bin.“
Auch der Philologenverband meldete sich zu Wort. Vorsitzende Beate Kluth sprach von einem „gefährlichen Präzedenzfall“: „Wenn jeder Lehrer nach eigenem Gutdünken bewertet – oder eben nicht –, verliert das Bildungssystem jede Vergleichbarkeit.“
Zwischen Ideal und Verantwortung
Thomas Lenz selbst wirkt gelassen. „Ich weiß, dass ich Grenzen überschritten habe. Aber nur, weil ich sie sehen wollte“, sagt er. Noch hat er keinen Anwalt eingeschaltet – „ich will das aushalten, solange es geht“.
Ob das Ministerium ihm jemals wieder erlauben wird, zu unterrichten, ist offen.
Was bleibt, ist ein Satz, den er seinen Schülern zum Abschied schrieb:
„Am Ende zählt nicht, welche Note du hattest – sondern was du begriffen hast, als du sie bekamst.“

